Ein Coiffeur in Wohlen

Ungewöhnliche Familiensituation

Karl Mattmüller muss ein abwechslungsreiches Leben gehabt haben: Er wurde in Deutschland geboren, betrieb in Wohlen AG ein Coiffeurgeschäft, ein Sohn (grün) leistete Kriegsdienst im 1. Weltkrieg, zwei Söhne wurden Schweizer Bürger und er kam zu einem Stiefsohn (pink). Er selbst blieb zeitlebens deutscher Staatsangehöriger.Karl Mattmüller - Coiffeur in Wohlen
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Gustav Furter – Stiefbruder oder Halbbruder?

Auf Grund der verfügbaren Daten stelle ich mir folgende Familiengeschichte vor:

Karl Simon Mattmüller, geb. 1859 in D-Broggingen zog der Liebe wegen etwa 1890 in die Schweiz, heiratete dort Maria Emma Kuhn. Das Paar hatte drei Söhne, Karl (Meinrad), Emil (Adolf) und Walter (Ernst). Der Vater betrieb in Wohlen – mit knapp 3300 Einwohnern im Jahre 1900 – ein Coiffeurgeschäft. Nach dem Tod der Mutter 1909 heiratete Karl Simon Mattmüller zwei Jahre später die Witwe Maria Aloisa Furter, geb. Hüsser. Sie brachte ihren Sohn Gustav Furter (pink) in die Familie mit, der damit zum Stiefbruder von Karl, Emil und Walter wurde.

Oder war er sogar Halbbruder? Ein Kuckuckskind? Das hiesse, Jakob Gustav Furter wäre nicht sein biologischer Vater, sondern Coiffeur Karl Simon Mattmüller. Was führt zu dieser gewagten Hypothese?

  • Gustav Furter wurde am 23.9.1892 geboren, also gut drei Wochen vor der Heirat seiner Mutter mit Jakob Gustav Furter. Das kam damals zwar vor, ist aber eher aussergewöhnlich.
  • Walter Ernst Mattmüller (1905-1983) sprach immer von 2 Halbgeschwistern: Gustav Furter und die ledige „Jungfer Emma“, die vermutlich in den 60er Jahren gestorben sei (wer war „Jungfer Emma“?).
  • Karl Simon, der sich wohl meist nur Karl nannte, suchte EndeAnnonce Jeune Homme 1907, in der Rubrik „Emplois divers“ eine Stelle für einen 16-jährigen Jeune Homme.[1] Gustav Furter war zwar zu diesem Zeitpunkt erst 15-jährig, aber im 16. Altersjahr. Später war er im Hotelgewerbe tätig, da hätte ein Aufenthalt in der französischsprachigen Schweiz den Einstieg ins Berufsleben sicher erleichtert.

Oder war es doch ganz anders?:

  • Die Annonce war für Sohn Karl Meinrad Mattmüller gedacht, der 1907 ein echter 16-Jähriger war, sich zwar nicht für Französisch interessierte, aber vom Vater in die Fremde geschickt wurde.
  • Die Begriffe Halbgeschwister (ein gemeinsames Elternteil) und Stiefgeschwister (kein gemeinsames Elternteil) wurden verwechselt.
  • Gustav ist zu früh auf die Welt gekommen. Der geplante Heiratstermin wurde auf später verschoben.

 

Sohn Karl Meinrad im 1. Weltkrieg

Die beiden jüngeren Söhne von Karl Simon, Emil und Walter erhielten 1922, resp. 1932 das Schweizer Bürgerrecht. Was war mit dem Ältesten, Karl Meinrad (grün)?

Er leistete im 1. Weltkrieg Wehrdienst im Deutschen Kaiserreich. Sympathisierte er mit Deutschland – wie andere Deutschschweizer auch – oder befürchtete er einen Einsatz gegen sein Geburtsland? Wir wissen es nicht. Zu finden sind hingegen vier Einträge in den Deutschen Verlustlisten des 1. Weltkriegs. Das angegebene Datum ist immer das Veröffentlichungs-Datum der jeweiligen Verlustliste. Es liegt meist mehrere Wochen bis einige Monate nach dem tatsächlichen Ereignis:

04.07.1917: Mattmüller, Karl – 24.11.91 Wohlen, Schweiz – Leicht verwundet.[2]
28.08.1917: […] vermisst.[3]
25.09.2017: .[4]
Verlustliste 1. Weltkrieg
27.01.1919: […] war in Gefangenschaft Rouen, jetzt Weggis, Bühlegg.[5]

Weitere Einträge findet man auch im Online-Archiv des Roten Kreuzes[6], so z.B. die Verlegung am 1.4.1918 aus dem Gefängnis Dieppe nach Rouen, Quai de France. Er war Soldat im 142. Infanterie-Regiment, 10. Kompagnie:Verlegung Karl Mattmüller

Nach dem Krieg heiratete Karl Meinrad 1922 in D-Broggingen, zuerst Anna Maria, geb. Holzwarth und 1938 seine Cousine Frieda, geb. Mattmüller. Insgesamt hatte er 6 Kinder.

 

Quellen
[1] Feuille d’Avis de Neuchâtel. 13.12.1907.
[2] http://des.genealogy.net/eingabe-verlustlisten/search. Liste: Preussen 849, Seite 18845.
[3] Liste: Preussen 922, Seite 20285.
[4] Liste: Preussen 946, Seite 20834.
[5] Liste: In der Schweiz internierte preussische Heeresangehörige 31, Seite 28894.
[6] https://grandeguerre.icrc.org/en/File/Search. Stand 24.04.2017.