Welschland, Berufslehre und 2. Weltkrieg

Die Mutter des Autors dieser Website, Rosa Mattmüller-Weber, geb. 1923 verfasste etwa in ihrem 75. Lebensjahr verschiedene Texte über ihre Kindheit, das Leben auf dem elterlichen Bauernhof und ihren Weg als junge Frau. Ihre Erinnerungen bis 1938 sind im Kapitel Lautenbreite unter Lebensläufe und Alltagsgeschichten nachzulesen.

 

 

Welschlandjahr

Am Karfreitag 1939 wurde ich zusammen mit neun Mädchen und zwölf Knaben von Pfarrer Rohrer konfirmiert. Für fast alle standen gewichtige Veränderungen an. Man nahm Abschied voneinander und einige traten demnächst in eine ganz neue, unbekannte Welt ein.

Bereits am Osterdienstag reiste ich mit Trudi Schori aus Oberaach ins Welschland, nach Aigle. Wir waren beide froh, die lange Reise zu zweit antreten zu können.

Mein Arbeitsplatz war bei Familie Krumel, einer Metzgersfamilie mit den Kindern Annemarie, vierjährig und Marcel, zweijährig. Meine Aufgaben waren: Haushalt machen, Kinder beaufsichtigen und mit ihnen spielen, beim Kochen mithelfen, in der Metzgerei putzen. Aller Anfang war schwer. In der Schule war ich wirklich gut im Französisch gewesen. Hier wurde jedoch so schnell gesprochen, dass nur einige Worte „hängen“ blieben.

In den ersten Wochen litt ich sehr unter Heimweh. Ganz schlimm war, wenn ein Brief von Mutter ankam. Es schien, als hätte sie noch mehr Mühe mit der Trennung als ich. Sie vermisste mich nicht nur als ihre Tochter, sondern auch als tatkräftige Mithilfe in Haus und Hof.

Am Mittwoch genossen die meisten Deutschschweizerinnen ihren freien Nachmittag. Da konnten wir reden wie uns der Schnabel gewachsen war. Und wie leicht das ging. Wir machten Spaziergänge in die nähere Umgebung. Bis zum bekannten Schloss Aigle oder ein Stück entlang des Grande Eau, der später in die Rhone mündet. Die paar Stunden waren immer so schnell vorbei. Ausnahmsweise fuhren wir mit der Bahn nach Leysin oder an den Genfersee ins Schloss Chillon. Der Lohn von 15 Franken musste ja für den ganzen Monat ausreichen.

1939 war die Landesausstellung. Trudi und ich reisten miteinander nach Zürich und nach dem 3-tägigen Besuch der „Landi“ weiter in den Thurgau. Bei Bekannten der Familie Krumel konnten wir übernachten. Die paar Ferientage waren im Nu vorbei. Mit weniger Spannung als im Frühling reisten wir zwei wieder zurück zu unseren Familien.

Die politische und wirtschaftliche Lage war sehr angespannt zu dieser Zeit. Die Worte Krieg, Hitler und Deutschland waren in allen Zeitungen zu lesen und in aller Munde präsent. Die Ereignisse überstürzten sich:

Am 29. August 1939 wurden die Grenzschutztruppen aufgeboten. Am 30. August wurde General Guisan gewählt. Dann, am 1. September war Generalmobilmachung. In den Strassen von Aigle ertönte der Ruf „A la frontière!“ Das ging unter die Haut und bis tief ins Innere. Man spürte panische Angst, Aufregung und beklemmende Ungewissheit unter den Leuten. Manches Mädchen kehrte an den folgenden Tagen in die Deutschschweiz zurück.

Meine Madame bat mich eindringlich zu bleiben. Monsieur Krumel war beim Grenzschutz eingeteilt und bereits einige Tage abwesend. Zum Glück konnte sein Vater, ebenfalls Metzger, fürs Nötigste einspringen. Marcel, der angestellte Metzger, musste auch für einige Wochen einrücken. Aus diesem Grund konnten die Aussenstationen Les Diablerets und Le Sépey nicht mehr bedient werden.

An den Rebhängen rundum war es ruhig geworden. Die Trauben waren ausgepresst und in den Fässern reiften der „Yvorne“ und der sehr beliebte „Aigle les Murailles“. Die Tage wurden kürzer und auch grauer. Der Winter meldete sich mit tiefen Temperaturen. In meinem Zimmer war keine Heizung und somit wurde es kalt und unwohnlich.

Aber auch nach diesem harten Winter meldete sich der Frühling und mein erstes Welschlandjahr ging zu Ende. Mein Französisch hatte gute Fortschritte gemacht. Dank der vierjährigen Annemarie lernte ich frei reden. Einmal pro Woche besuchte ich den Französisch-Kurs für Aupairmädchen. Die Sprache gefiel mir unterdessen so gut, dass ich mich für ein zweites Jahr in der Romandie umgeschaute. So trat ich Im April 1940 meine neue Stelle als Hausangestellte an und zwar in Fleurier, im Val de Travers.

Zeugnis Metzgerei KrumelZeugnis der Boucherie Krumel

 

Kriegsbeginn

Kaum war ich einen Monat in Fleurier wurde die Schweizer Armee zum zweiten Mal an die Grenze gerufen. Es war der 10. Mai 1940. In der Ostschweiz war die Lage besonders bedrohlich. Zahlreiche Familien oder einzelne Familienmitglieder verlegten ihren Wohnsitz irgendwo in Richtung Innerschweiz. Wer bei Verwandten oder Bekannten Unterschlupf finden konnte, schätzte sich glücklich.

Zu Haus in Buhwil gab es grosse Umstellungen. Unsere beiden Pferde wurden auch aufgeboten. Der Vater musste mit einem Stier und Kühen fuhrwerken und der Heuet stand bevor. Da entschloss ich mich, meine Stelle zu verlassen und über den Sommer daheim zu helfen.

Mit sehr gemischten Gefühlen trat ich meine Heimreise an. Auf den Bahnhöfen, im Zug, auf den Strassen, überall waren Soldaten. In Bürglen angekommen, kannte ich meinen Heimweg kaum mehr. Die Thurbrücke nach Istighofen war total verbarrikadiert. Geschütze waren aufgestellt und vom Militär bewacht. Dies sei ein wichtiger Durchgangspunkt für eventuelle Panzer-Durchfahrten Konstanz-Wil-Toggenburg-Innerschweiz, konnte ich vernehmen.

Noch im Mai meldete ich mich auf ein Inserat in der Thurgauer-Zeitung. Die Telefon-Direktion St. Gallen suchte Lehrtöchter für den Fernmeldedienst. Daraus könnte vielleicht etwas werden, so hoffte ich im Stillen. Ich durfte aber die Lehre nur antreten, wenn ich keine Unterstützung der Eltern benötigte. Die Aussichten waren gut. Es wurde ein Anfangslohn zugesichert und somit wartete ich sehr gespannt auf den weiteren Verlauf meiner Bewerbung.

 

Telefonistin PTT

Es klappte: Meine Mutter konnte die Lehre in Kreuzlingen am 1.1.1941 antreten. Sie schloss sie erfolgreich ab. Die Formulierung der Erwartungshaltung im zweitletzten Absatz ist nicht gerade verklausuliert …:

PTT Schlussprüfung

Rosa Weber arbeitete weiterhin in Kreuzlingen. Im Sommer 1946 wechselte sie nach Weinfelden, wo sie bis zum 31.10.1947 blieb. Ihr Austritt erfolgte, weil keine verheirateten Telefonistinnen geduldet waren![1] Im Arbeitszeugnis heisst es deshalb: „Sie verlässt uns am 31. Oktober 1947 infolge Heirat.“ Diese fand am 8.11.1947 statt.

 

Kreuzlingen 1945

Es war ja immer noch Krieg! Die Lage war allgemein sehr gespannt und ungewiss. Mehrmals waren Bombenangriffe auf Friedrichshafen und deren Feuersbrünste zu sehen. Am 12. Oktober 1941 waren auch etwa fünf Bomben in Buhwil abgeworfen worden. Drei getötete Personen und ein zertrümmertes Doppelwohnhaus waren zu beklagen. Es soll ein Irrtum der Royal Air Force gewesen sein, die Hintergründe blieben unklar. Die britische Regierung entschädigte später Opfer und Hinterbliebene.


Neue Zürcher Zeitung vom 13.10.1941, Blatt 6, Abendausgabe

 

Im Herbst 1943 wurde ich dem Postluftschutz in Kreuzlingen zugeteilt. Zusammen mit Postangestellten wurde ich in diesen Aufgabenbereich eingeführt. Im Hinblick auf mögliche Einsätze wurde mir die Teilnahme an den örtlichen Samariterübungen empfohlen.

In diesem Zusammenhang sah ich Emil, mein späterer Ehemann, zum ersten Mal. Als begeisterter Samariterlehrer stand er vor Frauen und auch Männern und leitete diese Übungen.

Im Postgebäude selber kam es glücklicherweise nie zu einem Ernstfall. Hingegen kam ich bei der Verpflegung der Kriegsverletzten in den Verwundetenzügen zum Einsatz. Von Italien kommend machten sie Halt in Kreuzlingen und fuhren dann weiter nach Deutschland. Die heisse Suppe wurde von allen sehr gerne angenommen und geschätzt. Grosses Elend und viele traurige Augen bekam man da zu sehen.

Am 1. April 1944 wurde Schaffhausen bombardiert. War es ein Versehen oder Absicht? 40 Menschen wurden getötet und hunderte verletzt. Dieses Ereignis löste grosse Ängste und Befürchtungen in der Bevölkerung aus. Das Kriegsgeschehen rückte näher und näher an unsere Landesgrenze. Noch mehr Geschütze wurden in den Strassen und hinter Gebäuden aufgestellt und bewacht.

Von fremden Truppen ganz nahe bei Kreuzlingen war die Rede. Dann hörte man von wichtigen Verhandlungen zwischen Statthalter Otto Raggenbass und dem Bürgermeister von Konstanz. Der 24. April 1945 war ein äusserst erfolgreicher Tag im Trompeterschlössle in Tägerwilen: Die Verhandlungen mit den Franzosen führten zur kampflosen Übergabe der Stadt Konstanz, die Stadt wurde nicht zerstört!

 

Am 8. Mai 1945 war endlich Frieden

Eine tief empfundene Freude, Dankbarkeit und grosse Erleichterung lösten die belastende ungewisse Zeit ab. Frieden, Frieden, so begrüsste man sich auf den Strassen. Von allen Kirchtürmen herab war Glockengeläute zu hören.

An diesem Abend machte ich mutterseelenallein einen Spaziergang. Auf einem Bänklein oben an der Alpstrasse genoss ich die friedliche Stimmung und die wunderbare Aussicht. Meine Gedanken schweiften in die nahe Stadt Konstanz. Fast vier Jahre arbeitete ich in Kreuzlingen ohne nur einmal in diese Stadt gehen zu können. Nun wird früher oder später wohl die Möglichkeit wahr werden, mich dort einmal etwas umzusehen.

Ich war bisher erst ein einziges Mal in Deutschland. Damals in der Primarschule führte die Schulreise ins Pfahlbaudorf Unteruhldingen. In diesem Zusammenhang tauchten „Der rote Arnold“ (Kosename für die roten Konstanzer Stadtbusse) und die Fähre Konstanz – Meersburg in meinen Gedanken auf.

Die Strassen von Kreuzlingen waren wieder beleuchtet. Die Verdunkelung war aufgehoben. Wegen dieser Verdunkelung hatte ich einen kleineren Unfall im Kehlhof: Bei gutem Wetter fuhr ich ja meistens mit dem Velo von zu Hause nach Kreuzlingen und umgekehrt. Selbst später Arbeitsschluss hielt mich nicht davon ab, den Heimweg unter die Räder zu nehmen (15 km mit 220 Höhenmetern, mit einer 2 oder 3-Gang-Nabenschaltung).

An jenem Abend übersah ich einen älteren, dunkel gekleideten Mann am rechten Strassenrand. Meine Geschwindigkeit war nicht hoch, aber der Betroffene fiel beim Zusammenprall trotzdem zu Boden. Ausser einem „Schränzli“ in den Hosen war nichts beschädigt. Ich begleitete den Mann nach Hause, hinterliess meine Adresse und setzte die Heimfahrt fort – Glück gehabt!

 

[1] Offizielle Begründung: Bei einer Weiterbeschäftigung müsste mit der Einmischung des Ehegatten in die dienstlichen Angelegenheiten gerechnet werden, dies sei mit dem Amtsgeheimnis nicht zu vereinbaren und – eine Schwangerschaft könnte Mehrkosten verursachen!