Lautenbreite

Auf dem Bauernhof Lautenbreite bei Buhwil, Gemeinde Schönholzerswilen TG, ist meine Mutter Rosa, geborene Weber mit ihren Geschwistern aufgewachsen. Basierend auf Verträgen, Fotos, Lebensläufen, Notizen usw. wird die Geschichte des Hofes aufgezeigt.

Wann die „Luutebraate“ gebaut wurde ist unbekannt. Auf der Sulzbergerkarte 1828-34 ist der Grundriss eingezeichnet. 1837 bestand der Weiler Lautenbreite aus zwei Gebäuden.[1] Der Wohnteil wurde zwischen 2002 und 2008 abgebrochen. Die Stallscheune steht in 2020 noch.[2]

1881 erbte die Witwe Elisabetha Krapf von ihrem Ehemann die Lautenbreite. 1904 ging die Liegenschaft an ihren Sohn Eduard Krapf über und am 9.3.1905 wurde sie Gottfried Weber „zugefertigt“.

Lautenbreite ca. 1930

 

Der Kauf

Gottfried Weber I (1866-1937) kauft 1905 den Bauernhof Lautenbreite:[3]

Transkription

Krapf Eduard in Lautenbreite fertigt [übergibt] Weber Gottfried in Bargen Kt. Bern lt. Kontrakt v. 6. Dezember 1904.

  • [Kataster-Nr.] 1663 ein Wohnhaus & Scheune in Lautenbreite, assekurirt [gegen Brand versichert] unter Nr. 115 / Fr. 9’500. Ost, Süd & Nord: Besitzer; West: Feurer
  • [Kataster-Nr.] 4746 eine Scheune daselbst, assekurirt unter Nr. 116 / Fr. 3’500. Ost: Strasse; Süd & Nord: Besitzer; West: Feurer.

Im Fertigungsprotokoll [Vorgänger des Grundbuchs] unter dem Eintrag Nr. 5883, datiert 9.3.1905, sind insgesamt 57 Kataster-Nr. resp. Parzellen aufgeführt. Einzelne Bezeichnungen sind auch heute noch gebräuchlich und in der Landeskarte erwähnt, so z.B. Bologgete, Lööliagger, Moosagger, Tannholz. Insgesamt handelte es sich um 1280 Aren Land.

 

Details des Vertrags

Interessant sind die Details (Transkription):

„Mit in den Kauf gehören sämtliche vorhandenen landwirtschaftl. Fahrnisse [bewegliches Hab und Gut], Viehhabe, Futter und andere Vorräte laut besonderem Verzeichnis. Wertanschlag des Mobiliars Fr. 10’000.-.

Der Kauf ist ergangen für die Summe von Fr. 60’000.- unter folgenden Bedingungen:

  • die Kaufobjekte werden abgetreten mit den bisherigen Rechten und Beschwerden.
  • der Kaufsantritt findet mit 25. März 1905 statt.
  • die Kaufssumme ist in nachstehender Weise zu bezahlen:
  • Fr. 30’500.- werden verwiesen an die Pfandkreditorschaft, Thurg. Hypothekenbank in Frauenfeld.
  • Fr. 12’000.- bar bei der Fertigung, welche spätestens bis zum 24. März 1905 zu erfolgen hat.
  • Fr. 12’500.- bleiben verzinslich stehen.
  • Fr. 5’000.- sind zahlbar in zehn gleichen Jahresterminen, erster Termin 1. April 1906; die übrigen in den neun darauf folgenden Jahren, jeweils auf 1. April samt entsprechendem Zins zu 4 ¼%.
    Es sind indes dem Käufer grössere Zahlungsbeträge gestattet.
  • die Verzinsung der Kaufschuld beginnt mit dem Kaufsantritt, d.h. am 25. März 1905 zum jeweils üblichen Hypothekarzinsfusse auf Schuld- & Kaufschuldbriefe.
  • Milchertrag bis zum Kaufsantritt gehört dem Verkäufer.
  • der Verkäufer gibt die Zusicherung, von dem zum Kaufe gehörendem Mobiliar, v. Futter, Getreide, Getränk u.s.w. bis zum Kaufsantritt nichts veräussern und nicht mehr verbrauchen zu wollen, als zu einem richtigen Geschäftsbetriebe notwendig ist.
  • Bei allfälligen Notschlachtungen erhält der Käufer den von der Assekuranz [Versicherungsgesellschaft] vergüteten Betrag; bei Pferden den erzielten Erlös. Auf weitere Entschädigungen hat er keinen Anspruch.
  • Für den Kaufschuldbriefbetrag per Fr. 5’000 hat die Mutter des Käufers Pfandbürgschaft zu übernehmen.“

Mit Kontrakt vom 18.8.1905 kaufte Gottfried Weber I von Konrad Feurer in Lautenbreite weitere 17 Parzellen mit ingesamt 228 Aren für 6’100 Franken. Der Hof verfügte nun über 15 ha Land – davon 14 a Wald – und kostete rund 66’000 Franken.

 

Bodenpreise damals und heute

Der Verkaufspreis von landwirtschaftlichen Grundstücken ist im Gesetz über das bäuerliche Bodenrecht (BGBB) geregelt. Der aktuelle (2019) Verkehrswert liegt zwischen Fr. 6.00 und 8.50/m2. Wie hoch war er damals, im Jahre 1905? Dazu folgende Überlegung: Weber zahlte Fr. 66’000, inkl. Fr. 13’000 für Haus und Scheune und Fr. 10’000 für das Mobiliar und Vieh. Somit Fr. 43’000 für 15 ha Land, d.h. knapp 30 Rappen/m2.

Der nominale Stundenlohn der Männer im Zweiten Sektor betrug 1905 im Durchschnitt 45 Rappen.[4] Angaben zu Löhnen in der Landwirtschaft habe ich nicht gefunden, ich rechne deshalb mit einem Minimallohn von 30 Rappen/Std. Somit musste ein Bauer 1 Stunde für 1 m2 Boden arbeiten. Und heute?

Der Minimallohn für Angestellte ohne Erfahrung in der Landwirtschaft beträgt 2020 Fr. 3’300/Monat.[5] Bei einer monatlichen Arbeitszeit von 220 Stunden errechnet sich ein Stundenlohn von Fr. 15. Bei einem Bodenpreis von Fr. 7.50/m2 reicht somit ½ Stunde Arbeit für 1 m2 Boden.

 

Stattliche Betriebsgrösse

1905 gab es in der Schweiz 244’000 landwirtschaftliche Betriebe. Die durchschnittliche Kulturfläche lag bei 4.9 ha.[6] Damit gehörte die Lautenbreite mit rund 14 ha – ohne Wald – zu den grösseren Gehöften. 2019 gab es noch rund 50’000 Landwirtschaftsbetriebe mit einer durchschnittlichen Nutzfläche von 21 ha.[7]

 

Weitere Besitzerwechsel

1930 ging die Lautenbreite an den Sohn Gottfried Weber II (1889-1971) über.
1939 übernahm die Tochter Hedwig Fitzi-Weber den Feldhof, inkl. einem Landanteil.
1953 wurde der Hof an Gottfrieds Sohn Paul Weber (1931-2013) abgetreten.
1982 erfolgte der Verkauf an Berta Rütschi-Geering, welche die Lautenbreite im gleichen Jahr an Oskar Rütschi übertrug. Die Liegenschaft umfasste 13.3 ha Land.
2020 heisst der Eigentümer Urs Rütschi.[8]

 

Familie Weber in der Lautenbreite

Gottfried Weber I (Käufer der Lautenbreite), ca. 1930 mit den Kindern Gottfried II, Hedwig, Ehefrau Maria Andres, Ernst und Martha (v.l.)

 

Landwirtschaftliche Schule Arenenberg

Gottfried Weber II (1889-1971) war Schüler des 1. und 2. Kurses in Arenenberg. Er holte sich in den Winterschulen 1906/1907 und 1907/1908 das notwendige bäuerliche Fachwissen. Gemäss den sogenannten Qualifikationslisten[9] gehörte er zu den besseren Schülern. Unterrichtet wurden im 1. Semester die Fächer Deutsche Sprache, Rechnen, Geometrie u. Zeichnen, Physik, Chemie, Bodenkunde, Pflanzenkunde, Obstbau, Bau und Leben der Haustiere, Gesundheitspflege der Haustiere, Allg. Tierzucht, Allg. Milchwirtschaft, Pflanzenschutz, Verfassungskunde [Staatskunde] sowie Volkswirtschaftslehre.

Im 2. Semester die Fächer Deutsch, Landw. Rechnen, Geometrie und Feldmessen, Ackerbau, Düngerlehre, Futterbau, Obst- und Weinbau, Forstwesen, Fütterungslehre, Spez.-Tierzucht, Gesundheitspflege, Milchwirtschaft, Landw. Betriebslehre, Buchführung, Bauwesen u. Maschinenkunde, Gesetzes- u. Verfassungskunde sowie Bodenverbesserung.

 

Feldhof

Feldhof 1992[10]

1927 liess Gottfried Weber I (1866-1937) den Feldhof als Stöckli für sich bauen. Sollte die spezielle Bauform mit dem Walmdach wohl an seine Berner Herkunft erinnern? Hier stand vorher bereits eine Scheune, 250 m von der Lautenbreite entfernt. Gemäss einer Zusammenstellung im Kassabuch kostete der Neubau rund 10’500 Franken, inkl. das Honorar für den Architekten Karl Akeret in Weinfelden von 800 Franken.

1939 übernahm seine seit 1932 verheiratete Tochter Hedwig Fitzi-Weber (1902-1983) den Feldhof. Er gehört heute (2020) Markus Fitzi, einem Urenkel des Erbauers.[11]

 

Familie Roth in Buhwil Oberdorf

Die spätere Ehefrau von Gottfried Weber II (1889-1971), Rosa Roth (1896-1981) zog ebenfalls aus der Region Bern in den Thurgau, nach Buhwil (seit 1996 Gemeinde Kradolf-Schönenberg). Ihr Stiefvater Christian Jenni (1860-1931) erwarb per 22. Februar 1908 im Oberdorf einen Bauernhof für Fr. 25’200. 1923 übernahm Stiefsohn Hans Roth (1889-1993) den Hof.

Familie Roth mit Stiefvater Christian Jenni, ca. 1915: Ernst, Margrith, Emil, Rosa (spätere Ehefrau von Gottfried Weber II), Mutter Rosina, geb. Hügli, Berta, Hans, Christian Jenni, Otto, Ida (v.l.)

Wohnhaus Roth in Buhwil-Oberdorf 25, Roth-Treffen am 3.6.1978, später abgerissen.
Stall/Scheune rechts steht 2020 noch.

 

Verwandtschaft Weber – RothNachkommen Gottfried Weber I

Nachkommen Johannes Roth

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Gottfried Weber I (pink in der Grafik) ist der Käufer der Lautenbreite, Bauherr des Feldhofs und Verfasser des Kassabuchs 1925-1934, das weitere Rückschlüsse auf das damalige Leben erlaubt. Christian Jenni (rosa) erwarb in Buhwil Oberdorf ebenfalls einen Bauernhof. Grün hinterlegte Personen sind die Verfasserinnen ihrer Lebensläufe. Alltagsgeschichten stammen aus der Feder von Rosa Weber (grau). Von ihr gibt es eine Ahnentafel mit Berner Familienwappen.

 

Kassabuch 1925-1934

Vom Käufer der Lautenbreite, Gottfried Weber I, ist ein Kassabuch mit Einträgen vom 1.4.1925 bis 1934 erhalten geblieben. Darin notierte er die Einnahmen und Ausgaben bis Februar 1928 sehr exakt, ab dann noch rudimentär.

Hier ein Auszug mit Transkription:

Transkription

1 Kassabestand 29.05
1 für Eier 30
1 für in die Haushaltung 14
8 Milchgeld 1622
10 Hedi Reisegeld 34
10 dem Knecht 30
11 Zins bezahlt auf der Kanton[albank] 1495.50
11 von der Bank abgehoben 100
12 für Vollmehl 100 kg 60
12 90 kg Hafer bei Maurer 60.50
12 Brandsteuer 27.30
12 Viehversicherung 21.50
12 Viehas[s]ekur[r]ant 20
13 Gottfr[ied] gegeben 25
17 Gesundheit[s]schein & Sonst[iges] 2.15
18 vom Bähler für 1 Kalb auf Rech[nung] 55

Das Kassabuch ermöglicht einen guten Einblick in das Bauernleben um diese Zeit. Was fällt auf? Die nachstehenden Angaben sind jeweils Durchschnittswerte pro Jahr, basierend auf den Angaben in den Jahren 1925-1927. Oft sind nur die Namen der Zahlungs-Empfänger aufgeführt und ermöglichen keine Zuordnung zur Art der Einnahme oder Ausgabe.

 

Einkommen

Die Haupteinnahmequelle war das Milchgeld. Es betrug 11’500 Franken. Gefolgt von der Viehzucht, resp. Viehhandel mit einem jährlichen Überschuss von Fr. 2’500. Nicht immer sind die Erlöse genau beschrieben. Herauslesen lässt sich, dass Gottfried Weber pro Jahr mind. 11 Kälber à Fr. 65 verkaufte. Dazu einige Rinder und kaum Kühe. Er muss auch Stiere gezüchtet haben: So kaufte er pro Jahr mind. einen Stier und verkaufte ihn wieder. Der Mehrwert pro Tier war im Durchschnitt Fr. 320. Dazu kam 1926 ein Zuchtstiergeld von knapp Fr. 500.

Auf Grund dieser Informationen dürften im Stall etwa 12-15 Kühe, 2 Zuchtstiere sowie Kälber und einige Rinder gestanden haben.

Meist wurden wöchentlich auf dem Markt in Wil SG Eier, Kartoffeln, Gemüse und Äpfel verkauft. Der jährliche Erlös belief sich auf Fr. 1’300. Die Fahrt ins rund 13 km entfernte Wil erfolgte mit Ross und Wagen. Aus dem Verkauf von Mostobst resultierten Fr. 750. Mit den 2 bis 3 Pferden verdiente er sich einen Fuhrlohn von rund Fr. 300. Direktzahlungen, resp. Subventionen gab es keine!

 

Ausgaben

Wie im Textblock „Meine Eltern“ aufgeführt, wohnte auch Sohn Gottfried II mit seiner Ehefrau Rosa, geb. Roth im gleichen Haushalt. Er erhielt, obwohl 1925 bereits 36-jährig, keinen festen Lohn, sondern in unregelmässigen Abständen Beträge zwischen 5 und 50 Franken. Auch Knecht Ueli bezog kein fixes Gehalt. Vom 1.4.1926-31.12.1926 erhielt er rund 175 Fr., inkl. Beiträge z.B. für Rasierpinsel, 1 Paar Hosen zu Fr. 11.50, Fr. 2 für Tabak, Fr. 10 für 2 Hemden, Fr. 6 für Schuhe flicken, usw.

Auch verschiedenste Steuern waren fällig, auch die Steuern für Knecht Ueli sind separat aufgeführt. Im Jahresdurchschnitt rund 730 Franken. Erwähnt sind Armen-, Assekuranz-, Brand-, Kirchen-, Kriegs-, Munizipal- Orts-, Schul-, Staats- und Wassersteuer. Licht- und Kraftstrom kosteten Fr. 160. Der grösste Posten waren die Hypothekar- und Darlehenszinsen. Sie beliefen sich auf Fr. 3’100.

 

Preisvergleich 1925/1927 zu 2020

Preise in Schweizer Franken

  1925/1927
laut Kassabuch
2019/2020 Teuerungs-faktor
Konsumentenpreisindex 160 1042 6.5x
Preis Landwirtschaftsland 0.30/m2 (1905) 6.00-8.50/m2 24x
Nominallohnindex[12] 100 (in 1939)[13] 2429 24x
Konsumentenpreise      
Äpfel 0.20-0.50/kg 3.50/kg 10x
Eier 0.18/Stück 0.50-0.60/Stück 3x
Kartoffeln 0.2/kg 0.80-2.50/kg 8x
Petrol 0.40/l 4.00/l 10x
Rüebli 0.20/kg 2.00/kg 10x
Salz 0.52/kg 1.00/kg 2x
Speck 4.00/kg 24.00/kg 6x
Vollmehl 0.60/kg 1.25/kg 2x
Thurgauer Zeitung 11.90/Jahr 522.00/Jahr 44x
Produzentenpreise[14]      
Heu 12.00/100 kg 18.00/100 kg 1.5x
Hühner, kleine 4.00/Stück 28.00/Stück 7x
Magerkälber zum Mästen 1.70/kg 5.00/kg 3x
Milch 22.00/100 kg 60.00/100 kg 3x
Mostäpfel Gelbjoggler 10.80/100 kg 26.00/100 kg 2.5x
Weizen 45.00/100 kg 50-100/100 kg 2x

 

Fazit:

  • Im Vergleich zum Lohn waren die Lebensmittel früher wesentlich teurer.
  • Die Produzentenpreise sind hingegen nur rund 3x höher. Quasi als Ausgleich erhalten die Bauernbetriebe heute Direktzahlungen. Ein vergleichbarer Betrieb (Talzone, 16 ha) erhielt 2018 knapp Fr. 40’000/Jahr.[15]

 

Weitere interessante Ausgabenposten
  • Am 25.9.1926 wird ein Kinderbettli für Fr. 13 gekauft. Zwei Tage nach der Geburt von Enkel Gottfried Weber III.
  • Vom 9.-17.11.1926 wurde in die alte Heimat gereist: „Für Billette nach Bern, Aarberg und Kerzers“ Fr. 58.80 ausgegeben, Fr. 3 „in Bargen verbraucht“, für Fr. 12 „bei Elise [Schwester von Gottfried I] gekauft“ und in Bern Fr. 60 investiert in „1 Paar Schuhe, 1 Regenschirm, 1 Paar Strümpfe, 1 Hose, 1 Halstuch, 1 Hemd & Verschiedenes“.
  • Am 6.12.1927 heisst es „für Finken für die Grosskinder Fr. 29“. Das Weihnachtsgeschenk?
  • 9.1930: „Notar Remensberg bezahlt für Ausfertigung des Erbschaftvertrags“ Fr. 131.30. Es dürfte sich um Notar Karl Högger in Remensberg-Wuppenau TG handeln. Der Vertrag war vermutlich die Basis für die Übergabe der Lautenbreite in 1930 an Gottfried II und des Feldhofs in 1939 an seine Schwester Hedwig Fitzi-Weber.

Wahrscheinlich übernahm Gottfried II 1927 die Betriebsführung der Lautenbreite, da seine Eltern in den Feldhof ins Stöckli zogen, und er gemäss Kassabuch ab 1927 seinem Vater Pachtzinsen zahlte. Bis 1930 jeweils Fr. 1’000/Quartal. Ab 1931 reduzierten sich die Quartalsbeiträge um Fr. 100/Quartal, d.h. in 1934 waren es noch Fr. 600/Quartal. Ab 1931 sind nicht mehr alle Ratenzahlungen aufgeführt, ab 1935 keine mehr. Ob die Einträge vergessen oder die Pachtzinsen erlassen wurden, ist nicht bekannt.

 

Lebensläufe und Alltagsgeschichten

Sie sollen die Lebensumstände von „damals“ aufzeigen. Zuerst die Lebensläufe meiner Grossmutter mütterlicherseits und ihrer Schwester Ida (beide grün in den Grafiken). Gefolgt von den Erinnerungen meiner Mutter (grau). Sie verfasste sie um die Jahrtausendwende. Ich habe sie teilweise redigiert und ergänzt.

Lebenslauf Rosa Weber-Roth (1896-1981)

„Am 12. Januar 1896 wurde ich als 4. Kind […] in Krauchthal, Kanton Bern geboren. Als ich drei Jahre alt war, zog unsere Familie in den „oberen Rain“ bei Oberburg und 1902 auf ein grösseres Bauerngut, die „Gumm“, ebenfalls in der Nähe von Oberburg. Im Jahre 1903 starb mein Vater an einer schweren Lungenentzündung.

Für die Mutter war es sehr schwer, allein mit den nun neun Kindern durchzukommen, und somit wurden ein paar bei Verwandten untergebracht. Ich kam zu Onkel Hans Hügli nach Meikirch, und ich war dort sehr gut aufgehoben. Auf diesem Bauernhof verbrachte ich drei schöne Jahre. In der Zwischenzeit hatte meine Mutter wieder geheiratet, und somit durfte ich zurückkehren.

Im Jahre 1908 kaufte mein Stiefvater [Christian Jenni] im Thurgau, in Buhwil, einen für damalige Verhältnisse ansehnlichen Bauernhof [in Buhwil-Oberdorf].

Nach beendeter Schulzeit arbeitete ich in der Seidenweberei Schönenberg. Mit 20 Jahren nahm ich in Weinfelden meine erste Stelle als Haushalthilfe an. Nach weiteren Aufenthalten in Schaffhausen und Glarus kehrte ich wieder nach Buhwil zurück.

Am 21. Mai 1921 vermählte ich mich mit Gottfried Weber [II], Lautenbreite. Unserer Ehe entsprossen 3 Mädchen und 4 Knaben, wovon der älteste im zarten Alter von 3 Monaten gestorben ist. Zusammen mit den Schwiegereltern bewirtschafteten wir das Bauerngut [Lautenbreite], bis diese im Jahre 1927 den „Feldhof“ bauen liessen und alsbald dorthin zogen.

Fast 50 Jahre teilte ich Freud und Leid mit meinem Gatten. Mühsame und arbeitsreiche Jahre verbrachten wir miteinander. Am 16. Mai 1971, 5 Tage vor unserer goldenen Hochzeit, starb mein geliebter Mann nach nur kurzem Krankenlager.“

 

Lebenslauf Ida Roth (1900-1992), Schwester von Rosa Weber-Roth

„[…] Noch nicht ganz drei jährig ist unser lieber Vater im 39. Altersjahr gestorben. […] Im März 1908 zogen wir von Utzigen (Bern) nach Buhwil […]. Vom 2. Schuljahr an bis zum Schluss ging ich in Buhwil in die Schule, in Neukirch a.d. Thur in die Sonntagsschule, Kinderlehre und [Konfirmations-]Unterricht. Im März 1917 wurde ich dort von Pfarrer Kaspar Honegger konfirmiert.

Nach wenigen Jahren [in Buhwil] sind Mutter u. Vater an schweren Leiden erkrankt, beide brauchten viel Hilfe u. Geduld. Als ich noch in den Unterricht ging, hatte ich viel Arbeit mit den Eltern. Die beiden älteren Schwestern mussten gleich nach dem 14. Altersjahr nach Schönenberg in die Fabrik um zu verdienen. Im Nov. 1922 wurde die Mutter von ihrem Leiden erlöst.

Im Jan. 1923 ist der älteste Bruder [Hans Roth 1889-1983] heim gekommen, wo ich bis 1929 in der Landwirtschaft geholfen habe. Nachdem die Schwägerin [Emilie] im Febr. 1927 das 3. Kind geboren hatte, durfte sie nicht mehr aufstehen. So hatte ich da wieder viel Arbeit mit den Kindern u. der Schwägerin. Am Bettag Abend ist auch sie heim gegangen.

So hatte ich da so viel es mir möglich war geholfen; im Sommer 1931 ist auch der Stiefvater erlöst worden von seinem chronischen Beinleiden. Im Frühling 1929 hat sich der Bruder wieder verheiratet mit einer Frau  die auch 2 Kinder brachte, u. so wurde ich vorig.

Da ich in der Nähe eine Schwester hatte [Rosa Weber-Roth in der Lautenbreite], auf einem grossen Bauerngut, konnte ich zu ihr gehen da sie auch ein paar Kinder hatte. Schon damals hatte ich oft Schmerzen in einer Huft. Nach 15 ½ Jahren bin ich wieder nach Buhwil zu 2 älteren Leuten, die auch noch etwas Landwirtschaft betrieben. […] Trotz der Badekur hat mein Leiden in der Huft nicht gebessert. Nach einigen Jahren allerlei doktern u. probieren schikte der Arzt mich nochmals nach Baden, auch diesmal ohne Erfolg.

[…] So hat mir dann ein Arzt u. andere Leute angeraten, mich im Balgrist behandeln zu lassen. Wenige Tage vor Weihnachten im Jahre 1956 wurde ich operiert, u. nach 10 Wochen wurde ich wieder entlassen. Vom Balgrist konnte ich zu einer lieben Schwester [Berta] nach Wila im Tösstal. Da ihr Mann plötzlich gestorben ist, u. sie allein war, konnte ich bei ihr sein bis ich am 7. Mai 1958 als zweiterste ins schöne Erholungsheim [in Stettfurt TG] gehen konnte, wo man gut aufgehoben ist.

[…] Da ich leider nicht mehr recht zum laufen kam u. nach ein paar Jahren die andere Huft auch noch operieren lassen musste, war ich sehr dankbar, dass ich noch irgend wo daheim bin bei einer lieben Heimleiterin u. anderen Leidensgenossen.“

 

Erinnerungen – aus der Feder von Rosa Mattmüller, geb. Weber

Meine Eltern 

Seit der Heirat wohnten meine Eltern (Gottfried und Rosa Weber-Roth) im gleichen Haus und Haushalt mit Vaters Eltern und der jüngeren Schwester Hedwig. Mit dabei war ebenfalls eine etwas beschränkte ledige Frau, namens Elisabeth, Beth genannt. [Für Beth erhielt Gottfried I jährlich ein Kostgeld von Bargen von 80 Franken].

Der Platz im Haus wurde allmählich knapp und der Entschluss gefasst, das Land von diesem stattlichen Bauerngut aufzuteilen. Ebenfalls zum Hof gehörend, stand ganz in der Nähe eine ältere Scheune mit Stall und Nebengebäude. Dort wurde ein Wohnhaus dazu gebaut. Ein schön aussehendes und gut eingerichtetes Riegelhaus. 1927 zogen meine Grosseltern, Tante Hedi und Beth in dieses neue Heim, den „Feldhof“ ein.

In der Lautenbreite verblieben meine Eltern mit drei kleinen Kindern, das vierte wurde im April 1928 erwartet. Unsere Mutter war überlastet und man suchte nach einer preisgünstigen Lösung. Für Feld und Stall wurde ein Knecht eingestellt, der Ueli. Für den Haushalt und Mithilfe überall sprang Tante Ida, eine alleinstehende Schwester von Mutter ein. Das Kinderhüten wurde immer mehr zu meiner Daueraufgabe.

Im Frühling 1930 war mein erster Schultag. Es gab damals weder Spielgruppe noch Kindergarten. Man trat einfach in die 1. Klasse ein. Da ich auf einem weit abgelegenen Hof wohnte, hatte ich bisher keinen Kontakt zu anderen Kindern. In unserer Familie und auch im Feldhof redeten alle „Berndeutsch“ und jetzt sollte ich plötzlich diesen spitzen und trockenen Thurgauer-Dialekt verstehen? Das war ja eine ganz andere Sprache!

 

In der 1. – 3. Klasse

Die ersten drei Schulklassen unterrichtete Herr Zehnder. Bei seinem Eintreten ins Schulzimmer am Morgen hatten wir uns zu erheben und ruhig stehen zu bleiben. Es wurde ein Lied gesungen oder ein Gebet gesprochen. Dann durften wir uns setzen und der Unterricht begann.

Oftmals war zuerst Kopfrechnen und auch Kettenrechnen angesagt. Richtungs- und Tempowechsel brachten Abwechslung, hatten aber auch ihre Tücken. Dieser Wettstreit weckte auch diejenigen, die noch etwas schlaftrunken in den Bänken sassen.

Eine Stunde nach den Zweit- und Drittklässlern bezogen auch die Erstklässler ihre Plätze. Sie hatten dann mündlich Unterricht und die höheren zwei Klassen erledigten schriftliche Aufgaben. Schönschreiben, Aufsatz und Zeichnen waren die Fächer.

Unser Lehrer war nicht sehr geduldig und teilte schnell Strafen aus. Als übliche Massnahmen galten „in die Ecke stehen“, draussen im Gang „vor der Türe warten“, die Hand zu einem „Tatzen“ (Schlag – meistens mit dem Lineal – auf die Fingerspitzen oder flache Hand) hinstrecken. Ein „Hosenspanner“ (Züchtigung durch Schläge auf den Hintern) wurde nur selten angewandt.

Herr Zehnder war mir und auch meinen Geschwistern immer gut gesinnt. Er erwähnte oft unseren langen Schulweg (Hin- und Rückweg je 2.5 km; zu Fuss) und rühmte, dass wir fast ohne Ausnahme pünktlich wären. Manchmal mussten wir schon den Schnellgang oder sogar den Laufschritt einschalten, damit die Zeit reichte bis Schulbeginn.

Am 25. Juli 1932 war eine Schulreise angesagt. Wir freuten uns natürlich auf diesen speziellen Tag. Mit einem Bus ging die Fahrt über Bischofszell, Gossau, Herisau, Appenzell nach Weissbad. Von dort folgte der Aufstieg zur Ebenalp. Nach dem Mittagessen führte die Wanderung übers Wildkirchli – Aescher zurück nach Weissbad.

In St. Gallen genossen wir noch einen Aufenthalt im Tierpark „Peter und Paul“. Über Muolen, Mühlebach und Sulgen erreichten wir nach einem sonnigen und fröhlichen Tag unseren Ausgangsort.

 

In der Mittelstufe

Zu Beginn der 4. Klasse wurde ins Oberschulhaus in Schönholzerswilen gewechselt. Wie Herr Zehnder wohnte auch Herr Wüthrich direkt im Schulhaus. Es war eine ziemliche Umstellung. Bis anhin waren wir die Ältesten im Schulzimmer und jetzt plötzlich die Jüngsten – hatten somit auch nicht mehr viel zu sagen.

Das vielfältigere Angebot an Schulfächern machte den Unterricht interessanter und gefiel mir gut. Ich hatte eigentlich keine Mühe. Doch es gab schon welche, die mit dem neuen Stoff nicht sogleich klarkamen. Im Zusammenhang mit diesem Umstand gab es vom Lehrer oft unliebsame Worte zu hören.

In der 4. Klasse renkte ich mir beim Handball spielen den rechten Daumen aus. Anstatt nach vorne schaute er im rechten Winkel nach oben und leicht nach hinten. Also was machen? Der nächste Arzt war in Weinfelden, der weit herum bekannte Dr. Schildknecht. Der Lehrer holte sein Stahlross aus dem Keller. Ich setzte mich vorne auf die Stange und so fuhren wir zusammen nach Weinfelden (8 km). Die Behandlung beim Arzt war kurz, intensiv und sehr schmerzhaft! Er brachte den Daumen möglichst in seine normale Lage. Dann zog er ihn etwas und noch etwas nach vorne, liess los und der Daumen war wieder eingerenkt.

Während den Sommermonaten begann der Schulunterricht schon um sieben Uhr und endete um 15 Uhr. Da konnten wir am Nachmittag zu Hause noch recht viel mithelfen.

Die Sommerferien zogen wir etappenweise, im extremen Fall sogar tageweise ein. Bei schlechtem Wetter war einfach Schule angesagt. Meine Freizeit war weiterhin mit Kinderhüten ausgefüllt. Waren doch meine Zwillingsgeschwister Mina und Paul acht Jahre jünger als ich. Daneben wartete stets viel Arbeit im Haus und auf dem Feld. Überall war Mithilfe gefragt.

Gelegentlich durften wir Kinder mit dem Vater auf einem Wagen oder auf einer Maschine mitfahren. Dies war von allen beliebt, aber manchmal auch recht gefährlich. In diesem Zusammenhang passierte der Unfall von Hans, meinem Bruder, mit der Mähmaschine, bei dem er den Zeigfinger der rechten Hand verlor.

In der Schule machte ich ruhig meinen Weg, verfolgte aufmerksam den Unterricht und hatte grossen Spass an den Ballspielen in Turnstunde und Pause. Die Klausuren machten mir wenig Sorgen, immer reichte es eigentlich zu guten Noten. Von Pfarrer Rohrer wurden wir in Religion unterrichtet. Er sprach in einem heimeligen Werdenberger-Dialekt und war bei den meisten Schülern recht bis sehr beliebt.

Die Zeit stand nicht still und schon besuchte ich die 6. Klasse. Die Sekundarschule wurde zum Thema. Margrit Schär und ich wollten unbedingt den Sprung dorthin wagen. Weil aber zuerst die 7.Klässler berücksichtigt wurden, befürchteten wir trotz guten Noten, zurückgestellt zu werden. Guten Mutes traten wir zur Aufnahmeprüfung an und beide bestanden problemlos.

 

Waschtag im Jahre 1935 in der Lautenbreite

Ungefähr einmal im Monat war ein sehr anstrengender Tag: Der Waschtag! Dieser fand im Winter wie im Sommer im Freien statt. Am Vorabend wurden der Waschherd und ein paar Waschgelten vom „Oberen Tenn“ auf den betonierten Hausplatz geschoben oder getragen. Ein Korb voll „Schiitli“ musste vom Holzschopf herbeigeholt und der Wasserschlauch musste angeschlossen werden.

Am Waschtag war es Vaters Arbeit, möglichst früh heisses Wasser bereit zu haben und das Wäscheseil von einem Baum zum andern zu spannen. Stark verschmutzte Wäschestücke wurden eingeweicht. Mittels einer Waschglocke wurde die schmutzige Wäsche in einer Gelte mit heisser Seifenlauge auf und ab gestöpselt und dann zum Kochen gebracht. Überblusen und -Hosen wurden auf dem grossen Holzbrett (Brätschibrett) geschlagen oder gebürstet. Es folgte das Spülen. Dabei stand die Spülgelte nahe beim Güllenloch, damit das Wasser direkt abfliessen konnte. Dann folgte das Auswringen von Hand, auch zum Teil sehr anstrengend.

Die mit ausgewrungener Wäsche gefüllte Weidenzaine luden wir auf den Stosskarren oder trugen sie zu zweit auf die Wiese nahe zum Seil. Jetzt konnte das Aufhängen beginnen. Am schönsten war es natürlich, wenn die Sonne schon strahlend am Himmel stand. Dann lag es an ihr und am Wind, uns mit trockener, weicher und geschmeidiger Wäsche zu erfreuen und unsere Arbeit so zu belohnen. Munter im Wind flatternde Wäschestücke jeglicher Art waren immer ein schöner Anblick.

Obwohl der Waschtag möglichst nach dem Wetter gerichtet wurde, zog sich das Trocknen manchmal über Tage dahin. Im Winter oder bei nassem Wetter wurde die Wäsche auf dem Estrich getrocknet. Der Weg dorthin war weit und beschwerlich. Übrigens – die Bettwäsche wurde im Normalfall nur am Waschtag gewechselt.

 

Hektik beim Frühstück

1938 war das einzige Jahr, in dem alle sechs Kinder der Lautenbreite die Schule besuchten. Deshalb ging es in der Küche am Morgen oft recht hektisch zu: Eines nach dem anderen wollte zum Schüttstein, um mehr oder weniger ausgiebig Morgentoilette zu machen. Schnell mindestens einen nassen Waschlappen erhaschen und ebenso schnell über das Gesicht fahren. Warmes Wasser ab Hahn war Wunschdenken. Auf dem Holzherd standen aber meistens Kochtöpfe mit warmem Wasser. Da konnte man nach Bedarf einen „Gutsch“ davon ins Waschbecken nehmen.

Ebenfalls auf dem Holzherd, in einer weiten Gusspfanne, brutzelte gemächlich und ruhig die Rösti für das Frühstück. Unsere Morgenmilch war im wahrsten Sinne des Wortes kuhfrisch und kuhwarm oder dann vom Vortag und schon leicht abgerahmt. Dann löste sich der Stau auf und man machte sich auf den Weg zur Schule.

Während der Sommermonate musste eines der älteren Geschwister noch vor der Schule mit dem Einspänner die Milch in die Käserei fahren. Am Abend waren von den Mädchen Haushalts- und von den Knaben Stallarbeiten zu erledigen. Die Freizeit nutzten wir vielfach mit Ballspielen. Ganz fanatisch, mit Grosseinsatz und Ausdauer spielten wir Völkerball und „Trieberlis“. Eine sehr beliebte Freizeitbeschäftigung war auch das Jassen. Stundenlang, ja halbe Nächte lang konnte uns dieses Spiel in seinen Bann ziehen.

In den Wintermonaten waren wir Mädchen sehr gefragt zum Socken flicken: Löcher oder schadhafte Stellen mussten mit Maschenstich wieder in Stand gestellt werden. Nachdem wir in der Arbeitsschule gelernt hatten mit der Nähmaschine Flickplätze einzusetzen, war unsere Mutter froh, wenn wir dies auch zu Hause anwendeten.

 

Brotfrucht ernten in meiner Jugendzeit, zirka 1938

Es war immer so um den 1. August herum. Der Weizen stand mit vollen, schweren Ähren im Morgentau. Das Wetter machte eine gute Gattung. Somit war Erntetag angesagt.

Frühmorgens begann der Vater mit der Sense das Korn zu mähen. Mahd an Mahd reihte sich aneinander. Daraus zogen Mutter, Tante Ida, meine Schwester Trudi und ich Häufchen um Häufchen heraus und legten diese ausgebreitet in schönen, exakten Reihen nebeneinander. Alle in die gleiche Richtung. So hatten die Sonnenstrahlen freien Weg, Ähren und Halme zu trocknen. „Aufnehmen“ hiess diese Arbeit. Eine grosse Fläche wurde so ausgelegt.

Anderntags zogen wir das trockene Getreide mit einem Rechen wieder zu Häufchen zusammen. Nach dem Mittagessen begann das Garben machen. Mein Bruder Gottfried III legte die Garbenbänder in gleichmässigen Abständen und in gleicher Richtung auf den Boden. Wir „Frauen“ legten mehrere Häufchen darauf, bis die Grösse einer Garbe erreicht war. Gleich folgte uns der Vater und band die lose gestapelten Häufchen fest zusammen.

Nachdem Vater Ross und Wagen geholt hatte, ging es zügig weiter. Mutters Arbeitsplatz war auf der Wagenbrücke. Vater warf die Garben hinauf. Mutter platzierte sie so, dass das Fuder zusammenhielt. Zwei Kinder zogen mit den grossen Rechen noch die liegen gebliebenen Halme zusammen. Da kam man ins Schwitzen und die beiden Pferde vor dem Wagen wurden von Fliegen und Bremsen belästigt bei dieser Hitze.

Wie war das doch jedes Jahr ein Betrieb und eine Emsigkeit an diesem Erntetag! Am Abend dann standen drei Wagen mit zirka 350 Garben beladen auf dem Hofplatz. Dann folgte die mühsame Arbeit des Abladens. Die Wagen wurden ins Tenn gefahren und die Garben mussten auf die Heubühne hinauf gehoben und dort gestapelt werden. Hier blieben sie, bis im Laufe der Wintermonate die grosse Dreschmaschine eintraf.

 

Dreschtag in der Lautenbreite

Die Dreschmaschine wurde direkt ins Tenn gefahren. Oben auf dem Heuboden brachte eine Person Garbe um Garbe vorne an den Rand. Die Garbenbändel wurden gelöst und für den Wiedergebrauch im nächsten Jahr herausgezogen. Mit Schwung landeten die losen Halme auf der Dreschmaschine. Von Fangarmen wurden sie erfasst und die rotierende Walze schlug die Körner heraus. Während die leeren Halme in die Strohpresse gelangten, blieben die Körner in einer Trommel zurück, wurden dort von Unkrautsamen gereinigt und in Säcke abgefüllt.

In der Zwischenzeit wurde in der Küche ein schmackhaftes Mittagessen oder ein kräftiger „Zobed“ zubereitet. Nach anstrengenden Stunden freuten wir uns alle auf eine Pause. Wir genossen die Mahlzeit. Mit Moscht vom Fass konnte der Durst gelöscht werden.

Bei Gelegenheit fuhr der Vater mit den vollen Kornsäcken in die Mühle nach Bürglen. Bei Bedarf wurden die Körner nachgetrocknet und dann gemahlen. Bald konnten die gefüllten Mehlsäcke abgeholt werden. Jedes Jahr hoffte man auf einen möglichst guten Ertrag.

Herr Bissegger aus Mettlen belieferte uns ein Mal pro Woche mit Brot. Es waren immer lange vier Pfund schwere Laibe. Das Brot backte er aus unserem Weizenmehl, das er jeweils sackweise in sein Auto lud. Wie lange dieses eigene Mehl ausreichte und wie die Verrechnung aussah, habe ich in diesen vielen Jahren vergessen. Hauptsache: Wir hatten immer genügend Brot im Haus und auf dem Tisch!

Meine Mutter verfasste noch weitere Texte zu Welschlandjahr, Berufslehre und 2. Weltkrieg.

 

Quellen
[1] Pupikofer, J.A.: Der Kanton Thurgau (Gemälde der Schweiz). St. Gallen und Bern 1837, Seite 325.
[2] Hinweisinventar Bauten, https://map.geo.tg.ch/apps/denkmaldatenbank/. Stand 30.09.2020.
[3] Staatsarchiv TG. Fertigungsprotokoll des Kreises Schönholzerswilen, Band U, 24.7.1902-25.6.1906, Seiten 263-267.
[4] Historische Statistik der Schweiz HSSO, 2012. Tab. G.4. hsso.ch/2012/g/4. Stand 01.10.2020.
[5] www.agrimplus.ch. Lohnrichtlinie 2020. Stand 01.10.2020.
[6] Baumann, Werner; Moser, Peter: „19.-20. Jahrhundert“, Kap. 4: „Landwirtschaft“, in Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 19.11.2007. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/013933/2007-11-19/. Stand 29.09.2020.
[7] https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/land-forstwirtschaft/landwirtschaft/strukturen.assetdetail.12687403.html. Stand 29.09.2020.
[8] ThurGis Viewer. Stand 01.10.2020.
[9] Staatsarchiv TG. 9’16, 6.0.1/1.9, 6.0.2.2/0 und 6.0.2.2/2.
[10] Hinweisinventar Bauten, https://map.geo.tg.ch/apps/denkmaldatenbank/. Stand 30.09.2020.
[11] ThurGis Viewer. Stand 01.10.2020.
[12] Bundesamt für Statistik. BFS-Nr. je-d-03.04.03.02.01. 29.6.2020.
[13] Die Nominallöhne zwischen 1920 und 1940 veränderten sich kaum. HSS:. hsso.ch/2012/g/4. Stand 01.10.2020.
[14] Preisberichtsstelle des schweizerischen Bauernverbandes, Brugg: Die Preise landwirtschaftlicher Produkte im Jahre 1930. Seite 288-307.
[15] Agrarbericht 2019: Direktzahlungen auf Betriebsebene nach Grössenklassen (Tal- und Hügelzone).