Kindersterblichkeit und soziales Engagement

Kindersterblichkeit am Beispiel der Familie Mattmüller-Sillmann

Zwischen 1858 und 1880 gebar Katharina Mattmüller-Sillmann, wohnhaft in D-Broggingen 15 Kinder. Bei der ersten Niederkunft war sie 22 Jahre und bei der letzten 44 Jahre alt, d.h. sie war in diesem Lebensabschnitt während der Hälfte der Zeit immer schwanger.

Von den 9 Mädchen und 6 Knaben starben 8 (weiss in der Grafik) innerhalb der ersten zwei Lebensjahre, die übrigen 7 Kinder wurden mindestens 45 Jahre alt, das älteste starb mit fast 83 Jahren.Nachkommen Simon MattmüllerZum Vergrössern die Grafik anklicken.

 

Lebenserwartung damals

Die Errechnung des effektiven Lebensalters der Kinder von Simon Mattmüller und Katharina Sillmann ergibt ein durchschnittliches Alter von rund 31 ½ Jahren. Berücksichtigt man die vor dem zweiten Geburtstag verstorbenen Kinder nicht, errechnet sich ein Mittelwert von 67 Jahren.

Im Deutschen Reich betrug in der Periode 1871/1881 die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt für Männer 35,6 Jahre und für Frauen 38,5 Jahre.[1] Somit sind die 31,5 Jahre einigermassen realistisch (wäre ein Kleinkind weniger verstorben und 75 Jahre alt geworden, läge das Durchschnittsalter bei 36,5 Jahren). Verursacht wurde die Säuglings- und Kindersterblichkeit durch ungenügende hygienische Verhältnisse, Mangelernährung und fehlende medizinische Betreuung, resp. Arzneimittel.

 

Lebenserwartung heute

Die Lebenserwartung bei Geburt im Jahre 2017 in der Schweiz betrug für Männer 81,4 Jahre und für Frauen 85,4 Jahre.[2]

 

Führte die fehlende Perspektive zum Umzug in die Schweiz?

Zwei Söhne (grün in der Grafik), Karl Simon und Johann Georg übersiedelten etwa 1890 in die Schweiz. Hofften Sie auf eine höhere Lebenserwartung für den allfälligen Nachwuchs, rechneten sie mit besseren Verdienstmöglichkeiten oder war es der Liebe wegen (beide heirateten Schweizerinnen, rosa in der Grafik)? Beide blieben bis zu ihrem Tod deutsche Staatsbürger. Karl Simon zog nach Wohlen AG und betrieb dort ein Coiffeurgeschäft. Und Johann Georg?

 

Johann Georg Mattmüller – integriert und sozial engagiert

Johann Georg, geb. am 20.2.1862, übersiedelte 1890 von Broggingen, das etwa 30 km nördlich von Freiburg im Breisgau liegt, nach Appenzell. Dort heiratete er 1896 Elisabeth Huber. Sie verstarb bereits am 4.8.1901. Gut zwei Monate nach ihrem Tod, heiratete er seine zweite Ehefrau, Maria Theresia Neff. Vermutlich blieben beide Ehen kinderlos – oder die Kinder verstarben im Teenageralter: Weder auf der Todesanzeige von Elisabeth noch von Johann Georg, der 1912 beerdigt wurde, sind Kinder erwähnt, wohl aber Gatten, Geschwister, Schwager und Vetter.[3] Johann Georg starb an Lungentuberkulose.

Danksagung Johann Georg Mattmüller

Die in der Danksagung erwähnten Institutionen zeigen, wie gut integriert und engagiert – obwohl zugezogener Ausländer – Johann Georg in Appenzell war. Vielleicht hat auch die hohe Kindersterblichkeit in seiner Familie und die damit vermutlich einhergehende Armut dazu geführt, dass er sich sozial sehr engagierte. Dazu nachstehende Details:

 

Konsumverein

1904 war Johann Georg Gründungsmitglied der Konsum-Genossenschaft Appenzell und deren Verwaltungsratsmitglied. Zweck der Genossenschaft: „Gemeinsamer An- und Verkauf von Lebensmitteln und anderen Gegenständen des täglichen Bedarfes in guter Qualität und zu mässigem Preise.“[4]
An der Generalversammlung vom 14.2.1909 wurde eine Namensänderung in Konsum-Verein Appenzell beschlossen und Mattmüller zum Vize-Präsidenten gewählt.[5] Diese Funktion übte er bis zum seinem Tod aus.

 

Grütliverein[6]

Im Nachruf im Grütlianer, dem „Zentralorgan des Schweiz. Grütlivereins und der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz“ vom 9.3.1912 heisst es:
„Unsere […] Sektion hatte die betrübende Aufgabe, eines ihrer ältesten und treuesten Mitglieder zur letzten Ruhestätte zu geleiten. Genosse Mattmüller […] gehörte unserer Sektion ununterbrochen seit seiner im Jahre 1890 erfolgten Uebersiedlung nach hier an, und es ist zum Teil seiner Initiative zu verdanken, dass die damals lebensmüde Grütlisektion vor der drohenden Auflösung bewahrt wurde. Treu und unerschrocken ist derselbe stets für die Enterbten eingestanden und hatte im Gegensatz zu der jüngeren Generation stets eine offene Hand, wenn es galt, für Befestigung der gewerkschaftlichen und politischen Organisation sowohl als für um ihre materielle Besserstellung kämpfende Arbeitsbrüder ein Scherflein zu leisten. […] Er war aber nicht nur ein überzeugter Sozialdemokrat, sondern auch ein angenehmer Gesellschafter. […] Lebe wohl, treuer Genosse, der du in so uneigennütziger Weise für das Recht der arbeitenden Klasse gewirkt.“

 

Beruf und Feuerwehr

Im „Appenzeller Volksfreund“ vom 5.3.1912 erschien ebenfalls ein Nachruf. Dort ist zu lesen:
„Letzte Nacht um 1 Uhr starb nach langjährigem Leiden Herr G. Mattmüller in der oberen Falkenburg, Appenzell. Derselbe […] war hier lange Jahre in der Offizin [veraltet für Buchdruckerei] des ‚Appenzeller Volksfreund‘ als vorzüglicher, flinker Setzer tätig. Der Verstorbene gehörte zirka 15 Jahre dem Rettungskorps [= Feuerwehr] Appenzell an; vier Jahre – bis Neujahr dieses Jahres – war er dessen Aktuar.“

 

Quellen
[1] https://www.demografie-portal.de/SharedDocs/Informieren/DE/ZahlenFakten/Lebenserwartung.html , Stand 27.11.2018.
[2] https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/geburten-todesfaelle/lebenserwartung.html. Stand 30.11.2018.
[3] Danksagung: Appenzeller Volksfreund, Nr. 30 vom 09.03.1912.
[4] SHAB vom 6.12.1904, Seite 1833.
[5] SHAB vom 27.4.1909, Seite 742.
[6] Weitere Informationen zum Grütliverein: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D17397.php.